Die wenigsten Startups kommen groß heraus. Mindestens 99 % fallen darunter. Viele Startups scheitern bereits in den ersten Jahren. Die meisten Crashs drehen sich dabei um vier Gründe, die wir in den nächsten Blogposts genauer betrachten werden.

Goldene Zeiten für deutsche Startups! Beinahe täglich liest man neue euphorische Erfolgsmeldungen aus der Startup-Szene. Misserfolg? Scheint nicht zu existieren. Und wenn, dann war man zumindest vorher schon mal groß draußen. Dabei stellt der KfW Gründermonitor 2015 fest, dass 29 %1 der Neugründungen in den ersten 3 Jahren an die Wand fahren. Wie passt das zusammen? Fakt ist: niemand redet gerne über das eigene Scheitern. Fakt ist aber auch eine alte Binsenweisheit: „Aus Fehlern kann man lernen“.

Das ist aktueller denn je. Während noch bis vor einigen Jahren Niederlagen als großes Tabuthema in der deutschen Unternehmerkultur galten, wagen immer mehr Unternehmer den Schritt in die Öffentlichkeit. Die globale Eventreihe Fuckup Nights, in der „Fuckupreneurs“ über ihre größten beruflichen Misserfolge und das Scheitern sprechen, hat sich nicht ohne Grund in mehreren deutschen Großstädten erfolgreich etabliert.

In den meisten Fällen beschränkt sich der Crash nicht auf einen einzelnen Grund, sondern ist eine Kombination mehrerer Fuckups. Somit sind Statistiken wie von CB Insights2 und KfW auch mit Vorsicht zu genießen. Die vermeintlich unterschiedlichen Gründe des Scheiterns sind in der Regel eng verzahnt und zeichnen eher einen Prozess aufeinander aufbauender Fehler.

Gibt es ein Muster des Startup-Scheiterns?

Bestes Beispiel ist der offensichtlichste Klassiker des Scheiterns: Häufig hört man, dass eine fehlende Finanzierung, verbranntes Geld oder eine negative Differenz zwischen Umsatz und Kosten der Grund des Scheiterns sind. So erscheint es auch im Bericht des Deutsche Industrie- und Handelskammertag e.V. (DIHK)3.

Doch genauso wenig, wie Fieber die eigentliche Krankheit bei einer Sommergrippe ist (sondern eben der Virusinfekt), sind Geldsorgen der eigentliche Auslöser des Scheiterns.

Sonar App Logo
2011 launchte mit Sonar eine vielversprechende App, die binnen kürzester Zeit Millionen Nutzer erreichen konnte. Die App der Sonar Media Inc. zeigte seinen Nutzern auf einer Karte Freunde und Gleichgesinnte in der näheren Umgebung. Eine Chatfunktion ermöglichte die sofortige Kontaktaufnahme. Sogar an die Unterstützung von Facebook, LinkedIn, Twitter und Foursquare hatten die Entwickler gedacht. Dennoch konnten trotz der vielen Nutzer keine entsprechenden Einnahmen generiert werden. Offensichtlich wurde bei der Entwicklung am Business Case gespart. Nach Aussagen des Gründers Brett Martin wuchs dieses Problem durch eine Menge falscher Managemententscheidungen weiter an. Ende 2013 war es dann soweit: Liquidation4.
(Logo-Quelle: Sonar, all rights reserved)

Nichtsdestotrotz kann man all die Gründe auf vier Kernfehler zurückführen. Und die sind nicht auf „Geld plötzlich weg“, „Wettbewerb war stärker“ oder so einen diffusen Grund wie „fehlende Nachfrage“ einzudampfen. Denn diese Auslöser des Scheiterns sind nur Symptome weitaus früher etablierter Fehlentscheidungen.

Setzt man die einzelnen Gründe, welche die CB Insights-Studie listet, in Kontext, ergibt sich ein weitaus komplexeres Bild über das Scheitern von Startups. Die angegebenen Gründe sind selten die eigentlichen Auslöser. Maximal bedingen sie nachgelagerte Gründe. Wir haben in diesem Gehirn des Scheiterns auch drei zusätzliche Gründe eingebunden (orange), die zwar nicht genannt wurden, aber entscheidend sind. Am Ende führen sie jedoch alle zum Schlussakkord: Geld weg!

Kerngrund 1: Fehlende Kenntnisse

Hinter dem endgültigen Versiegen des Geldes liegen in der Regel mehrere Gründe. Diese tauchen nicht autark auf, sondern sind ineinander verzahnt. Gräbt man tief genug, stolpert man häufig über fehlende Kenntnisse in Bezug auf die äußerst komplexen Aspekte einer Unternehmung. Und das beinhaltet sowohl Branchenkenntnisse, als auch Fachkenntnisse.

Kerngrund 2: Deine Idee löst noch kein Problem

Gründer sind begeistert von ihrer Idee. Das darf man ihnen nicht übel nehmen. Doch sehr häufig sind sie blind verliebt und entwickeln das Produkt nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen. Doch was, wenn das Produkt am Markt – an der Zielgruppe – vorbei entwickelt wird? Was wenn einfach niemand das Produkt braucht? Eigentlich gehört die Zielgruppen- und Marktanalyse zum 1-Mal-1 jedes Gründungsprozesses. Laut einer Studie von CB Insights scheitern dennoch unglaubliche 42 % aller untersuchten gescheiterten Startups an einer fehlenden Nachfrage. 19 % nannten Wettbewerbsverdrängung, 17 % ein schlechtes Produkt und noch immer 14 % ein unzureichendes Businessmodell als Grund. Auch hier sind es letztlich alles nur Symptome der Kerngründe – insbesondere des Punktes, dass eine Idee noch lange kein verkaufbares Produkt bedeutet.

Das alte Mantra „Der Kunde ist KönigIn“ ist so altbacken, wie es eine unumstößliche Wahrheit darstellt.

Wer sich bei aller Anstrengung und all den durcharbeiteten Nächten und Wochenenden nicht daran hält, erlebt am Ende immer wieder dasselbe: spontaneous combustion!

Es lohnt sich, die Verzahnung der Gründe näher zu analysieren. Am Ende kristallisieren sich drei Start-Komplexe heraus, die Startups zum Scheitern bringen: das Team, die Kenntnisse und eine fehlende Zielgruppenbeachtung. Wer hier schludert, trägt die Fehlentscheidung weiter nach außen.

Kerngrund 3: Kommunikation ist kein Selbstläufer

Auch wenn „schlechtes Marketing“ laut CB Insights nur in 14 % der Fälle zum direkten Scheitern führte: das US-Wirtschaftsmagazin Inc. betont, dass schlechtes oder gar fehlendes Marketing häufig der Anfang vom Ende ist. „The reason is that startups far too often think their only market is VCs, and that consumers will automatically love them the way their moms do“, zitiert das Magazin Branding Consultant Bruce Philip5. Doch euer Markt besteht weder aus Freunden, noch aus Klonen eurer Mütter (Thank God!). Auch reicht es nicht zu denken, man brauche einfach nur ein gutes Produkt, um von Kunden angenommen zu werden. So nach dem Motto: „Das wird sich per Mund-zu-Mund einfach viral über die sozialen Netze verbreiten wie ein Lauffeuer.“ Schön wär’s!

Kerngrund 4: Dein Team ist nicht deine WG

Mitgründer finden, ist schwierig genug. Die richtigen finden, wird dann erst recht zu einer Sisyphus-Arbeit. Das Team ist jedoch Kern einer jeden Gründung. Nicht umsonst verwetten Investoren ihr Geld vorrangig auf Teams und nicht so sehr auf Produkte. Mark Suster, selbst zweifacher Unternehmer und seit mehreren Jahren VC, gewichtet das Managementteam mit 70 % bei seiner Bewertung eines Pitches.6

Dabei geht es nicht nur – wie häufig missverstanden – um Motivation, Leidenschaft, Feuer und den Hunger nach Erfolg. Vielmehr zählen die sich perfekt ergänzende Kompetenzen der Mitglieder, das Durchhaltevermögen und die Expertise zu den Kerneigenschaften eines Teams. Letztlich muss das Team den Laden schmeißen, miteinander funktionieren und die notwendige (Wo)men-Power erreichen, um mittelfristig erfolgreich zu sein.

Und nu?

Die Erfahrung zeigt, dass nicht nur unglückliche Umstände für viele Startups das Ende bedeuten können. In den meisten Fällen fehlen einfach gewisse Grundlagen wie Ordnung, Weitsicht und Selbstkritik. Klar, das klingt nicht besonders hip und spannend, ist aber für den unternehmerischen Erfolg unerlässlich. Das Scheitern ist zumindest meist hausgemacht. In den nächsten Wochen schauen wir uns die vier Kerngründe einmal genauer an. Stay tuned.

In den nächsten Wochen erfahrt ihr hier, was hinter den einzelnen Kerngründen des Scheiterns steckt und wie ihr diese von Anfang an in den Griff bekommt.

Weiterführende Links & Referenzen

1 KfW Gründungsmonitor 2015

2 CB Insights Blog

3 DIHK Gründerreport 2015

4 Computerwoche

5 Jessica Stillmann Blog

6 Bothsidesofthetable Blog

 

Bildquelle (Stand 03.03.2017):

Beitragsbild: PSParrot „Crash at St.Marys Corner – Andrew Beaumont – LDS Alfa Romeo – Glover Trophy practice – Goodwood Revival 2013 – Driver ok“ (lizensiert unter CC 2.0, changes: cropped, enhanced)

 In der Serie erschienen