Die Bundestagswahl ist gerade hinter uns. Die sozialen Netzwerke liefen heiß. Wie stand es eigentlich mit der Authentizität und Sauberkeit im digitalen Wahlkampf? Kommen auch beim deutschen Wahlkampf Social Bots zum Einsatz?

Über die US-Präsidentschaftswahl wird berichtet, dass Trump diese in den sozialen Netzwerken gewonnen habe. Tatsächlich baute er sich gerade dort eine ungemein lautstarke und mächtige Gefolgschaft auf. Mittlerweile weisen Analysen der Followerkonten darauf hin, dass mindestens 50 % der Trump-Follower auf Twitter aus Bots und Fakeaccounts bestehen, die vermutlich aktiv in der Kampagne eingesetzt wurden.

In Anbetracht dessen und der bevorstehenden Bundestagswahl haben etliche deutsche Politiker sogar ein Verbot der Meinungsroboter im Wahlkampf gefordert. Auch eine Kennzeichnungspflicht wird noch immer diskutiert. Vorstöße, die jedoch nur schwer in der Realität durchsetzbar sind. Die Grünen legten sich daher zuletzt eine Selbstverpflichtung auf, in der sie offiziell bestätigten, keine Social Bots einzusetzen. Auch die Union, SPD, Linke und FDP lehnen den Einsatz öffentlich ab. Die AfD ruderte zurück, nachdem Bundesvorstandsmitglied Alice Weidel vergangenes Jahr im „Der SPIEGEL“ zuerst mit den Programmen liebäugelte. Später gab die Partei ebenfalls bekannt, keine entsprechenden Werkzeuge einsetzen zu wollen.

Wir haben 478 Instagram-Accounts von Politikern der Parteien CDU, CSU, SPD, Die LINKE, Grüne und AfD beobachtet und dabei 50 Millionen Datensätze gesammelt. Alle Daten sind frei über die API von Instagram abrufbar. Aus rechtlichen Gründen wird in diesem Beitrag jedoch auf die Nennung personenbezogener Daten verzichtet. Es erfolgt lediglich eine Zuordnung zu den Parteien. Je Partei wurden die zwei aktuell relevantesten Konten analysiert und näher betrachtet.

Bot oder Nicht-Bot? Das ist hier die Frage.

Vorab: Eine Analyse der Instagram-Datensätze erlaubt keine rechtsverbindliche Zuweisung von Vorwürfen in Bezug auf die Nutzung von Social Bots oder eingekauften Likes. Solche eine Zuweisung kann nur über entsprechende Verträge und eine vollständige Transparenz bezüglich der Wahlkampfausgaben erfolgen.

  1. Die Analyse liefert jedoch Indikatoren, ob ein Konto durch Bots unterstützt wird. Wir können in diesem Rahmen ausschließlich auf Auffälligkeiten verweisen. Die Analyse auf Auffälligkeiten erfolgt dabei in zwei Schritten:
    Überprüfung des Influencer-Accounts.
  2. Überprüfung auffälliger Accounts von Likenden.

Auffälligkeiten bei Influencer-Profilen:

  • Das betroffene Konto zeigt ein starkes Ungleichgewicht zwischen der Anzahl der Abonnenten und der Interaktionsdichte. Dieser Indikator verweist auf eingekaufte Abonnenten, die jedoch inaktiv sind. Gerade auf Instagram ist es aufgrund des starken Vorschlagwesens sehr typisch, dass ein Account mehr Likende als Abonnenten aufweist.
    Ein Beispiel: Ein Account verzeichnet über 350.000 Abonnenten und mehr als 900 Beiträge. In der Analyse zeigt sich, dass alle Likes, die diese Beiträge jemals erhalten haben, von gerade einmal knapp 20.000 Likenden stammen. Mindestens 330.000 Abonnenten haben dem Influencer also noch NIE einen einzigen Like gegeben. Selbst wenn wir davon ausgehen können, dass Politiker-Accounts von Nachrichtenagenturen, Interessengruppen und Journalisten still gefolgt werden, ist diese Diskrepanz sehr auffällig (siehe Abb. 1)
  • Beiträge erhalten direkt nach Veröffentlichung eine sehr hohe Zahl an Likes. Diese Form der Interaktionsrate weist entweder auf eingekaufte Likes oder die Nutzung eines Karusselschemas hin. Bei diesem Schema vergibt man über ein Tool wie Gramblr Likes an Fremdbeiträge und erhält dafür Coins, mit denen man wiederum seine eigenen Beiträge mit Likes versorgen kann.
  • Eine hohe Anzahl von Einmal-Likes. Abonnenten liken in der Regel mehr als einen Beitrag eines Kontos. Einmal-Likes weisen auf einmalig eingesetzte Bots hin. Die Einmal-Likes können jedoch aus der Nutzung eines Karusselschemas entstehen.
  • Likende geben übermäßig viele Likes. Das kann auf der einen Seite auf einen sehr begeisterten Fan hinweisen oder aber auch auf einen Bot oder Fake-Account. Für eine weitere Differenzierung muss der Account des Likenden gesondert untersucht werden.
Analyse-Politiker-Accounts-Instagram-Fans-vs-Aktive
Abb. 1: Das Verhältnis zwischen der Anzahl der Abonnenten und Anzahl der “Personen”, die jemals einen Beitrag des Accounts geliked haben. Das Verhältnis sollte bei einem “gesunden” Profil keine extreme Diskrepanz aufweisen (Quelle: Jens Pacholsky)

Verstecken sich Social Bots hinter den likenden Profilen?

Im zweiten Schritt haben wir die jeweils 10 Top-Likenden der einzelnen Politiker-Profile analysiert. Dabei wurde betrachtet, wie das Profil auf Instagram wirkt und welche weiteren Politiker- und Influencer-Profile dieser Likende mit Herzen versehen hat. Daraus wurde abgeleitet, ob ein Profil als auffällig oder “natürlich” gelten kann.

Indikatoren für auffällige likenden Profile:
Extreme Diskrepanz zwischen Inhalten des likenden Accounts und gelikten Thema / Influencer-Account. Das gilt insbesondere bei likenden Accounts, die undifferenziert und übermäßig viele Beiträge eines Influencers liken.
Der Account weist wenige Beiträge, aber viele Abonnenten oder Abos auf. Dies ist ein Indikator für Bots.
Der Account ist trotz einer hohen Anzahl an Beiträgen und / oder Abonnenten auf “privat” gestellt. Diese Taktik wird u.a. verwendet, um Botaktivitäten gezielt zu verstecken.
Der Account liked Beiträge von sehr unterschiedlichen politischen Aussagen oder Gruppieren. Diese thematische Inkonsistenz weist erneut auf einen Bot hin, der für eingekaufte Likes verwendet wird.
Der Account hat beim Influencer drei bis fünf Beiträge in Folge geliked und sonst nicht mehr. Dieses sogenannte Powerliken ist ein typisches Feature von Automatisierungstools wie Ninjagram.
Der likende Account vergibt laut Analyse Likes an einen einzigen Influencer-Account. Dies weist auf einen Bot hin.

Die Indikatoren sind selbstverständlich nicht unfehlbar. Sie spiegeln eine Normalverteilung, die sich aus einem normalen Nutzerverhalten ableiten lässt.

Analyse-Politiker-Accounts-Instagram-Vielliker-Social-Bots

Was sagen euch diese Zahlen?

Bei der Interpretation der Ergebnisse muss zudem beachtet werden, dass ein Indikator keine Aussage darüber liefert, ob z. B. Likes aktiv eingekauft wurden. Auffällige Likes oder Like-Accounts können verschiedene Ursachen haben:

  • Jemand baut gerade seinen eigenen Account auf und nutzt z. B. Karusseltools, um seine Beiträge zu pushen. Hier kann davon ausgegangen werden, dass dann auch die Influencer-Accounts diese Tools verwendet.
  • Die Likes stammen von Konten, die über einen Like4Like-Ansatz auf sich aufmerksam machen wollen. Tools wie Ninjagram unterstützen z. B. das automatische Beliken von Beiträgen mit bestimmten Hashtags. Hier liegt ein klassisches Spamming vor.
  • Das Influencer-Konto verwendet eigene Fake-Accounts, um die Sichtbarkeit zu erhöhen.
  • Die Likes wurden direkt eingekauft.

Insbesondere zum vierten Punkt fielen wiederholt (vermeintliche) Fanprofile auf, die sich ganz offen als Anhänger einer Parteie bezeichneten. Das ungewöhnliche an diesen Profilen war jedoch, dass diese bis auf eine massive Like-Abgabe an einzelne Partei-Profile keine weiteren Aktivitäten auf Instagram zeigten. Sowohl die Zahl der Beiträge als auch die Zahl der Abonnenten und Abos war überraschend gering. Bei anderen Parteien finden sich verschiedene Sub-Accounts, die sich gegenseitig unterstützen.

Insgesamt kam bei der Analyse der Eindruck auf, dass die PolitikerInnen- und Partei-Accounts von Social Bots und Fake-Accounts massiv begleitet werden. Ob und in welchem Umfang diese Unterstützung aktiv von den Accounts mit getragen wird, kann aus den Daten jedoch nicht bestimmt werden.

Der Artikel entstand in sehr konstruktiver Zusammenarbeit mit Johannes Wobus von pontipix.

Du willst wissen, wie du Social Bots und Fake Accounts identifizieren kannst? Johannes und mein Artikel dazu auf t3n hilft dir weiter.

Hinweis:

Der Beitrag wurde erstmalig am 12.09.2017 auf dem Portal der t3n veröffentlicht. Er wurde jedoch aufgrund hitziger Diskussionen auf Facebook später wieder vollständig gelöscht. Hintergrund der Diskussion: Leser hatten bemängelt, dass die These „ein Account ist auffällig, wenn er je Beitrag weniger Likes als Abonnenten hat“ nicht haltbar wäre. Diesem Gegenargument stimmen wir sogar zu. Jedoch tauchte diese falsche These in dem Text überhaupt nicht auf. Die Leser hatten bei der These zur Anzahl der Abonnenten vs Anzahl der Likende scheinbar Likes und Likende verwechselt. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil 😉

 

Beitragsbild: Pixabay