In unserem ersten Beitrag zum Startup-Scheitern haben wir dir den Prozess der Fehlentscheidungen nachgezeichnet. Die Erkenntnis:  das große Scheitern ist letztlich eine Abfolge kleiner FuckUps ist, in deren Zentrum sich vier Kerngründe finden.

Schauen wir uns genauer an, was sich hinter dem ersten Kerngrund, den fehlenden Branchen- und Fachkenntnissen, verbirgt. Weshalb unterschätzt ein Startup den Aspekt? Und wie kannst du verhindern, denselben Fehler zu begehen?

2015 wurde dem deutschen Streaming-Dienst Simfy auf der einen Seite von seinen Partnern – den Musiklabels – übel mitgespielt. Die Macher hätten das Verhalten ihrer Geschäftspartner aber einkalkulieren können. Die Entwicklung (und sture Beharrlichkeit) der Musiklabels der letzten 30 Jahre spricht Bände über deren Prinzipien. Die Simfy-Gründer jedoch unterschätzten ihre Partner. Ihnen fehlten offensichtlich tiefgreifende Branchenkenntnisse. Am 21. April 2015 kam die Liquidation1. (Bild: Simfy)

Vier Schritte, um dir selbst ein Bein zu stellen

„Ich mach das erst einmal selbst.“

Faktenwissen ist das eine. Prozess- und Anwendungswissen das eigentlich relevante. Das Basiswissen – egal ob für die Unternehmensplanung, Buchhaltung, Controlling oder Preiskalkulation – kann durch eine ausgiebige Recherche oder Studium grundsätzlich erschlossen werden. Oft ist es jedoch die Erfahrung, welche die eigentliche Lücke darstellt.
Der Aufbau eines Unternehmens, die Entwicklung und die Vermarktung eines Produkts funktionieren eben nicht nach Lehrbuch. Hinzu kommt die Illusion, mit der Unzahl an kostenfreien Tools schon gut zu Rande zu kommen. Hunderte Marketing-Blogs suggerieren das zum Beispiel, wenn sie wieder die 50 besten SEO-Tools in die Runde werfen. Nur was nützt einem einer Präzisionsmaschine, wenn man sie nicht bedienen und die Ergebnisse nicht interpretieren kann?

Klar, als Startup möchte man gerne selbstständig seine Ziele erreichen und Probleme angehen. Meist zieht sich diese Mischung aus Übermut, Stolz und Knausrigkeit wie ein roter Faden durch alle Phasen der Gründung. Funktionieren die Pläne dann nicht und es kommt zum Beispiel zu Zahlungsschwierigkeiten, wird sich gar nicht oder viel zu spät Hilfe geholt.

„Das passt schon.“

Ein Unternehmen ist komplex. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und die werden bei all dem Stress dann gerne übersehen.

Der Klassiker schlechthin: die Mehrwertsteuer wird vergessen (no shit!). Oder der Aufwand für die Produktion, fürs Marketing, für die Miete oder Nebenkosten werden nicht, zu spät oder viel zu niedrig berücksichtigt. Gerne werden auch Kosten zu niedrig und Einnahmen zu hoch angesetzt. Man möchte ja die eigene Motivation der Gründung nicht dämpfen.

Und selbst wer sein Handwerkszeug vorliegen hat, kann noch den Fehler machen, verfügbare Informationen zu übersehen und falsch zu verknüpfen. Das passiert häufig genug bei der Einschätzung des reellen Marktes und der Zielgruppe.

Wenn das Wissen fehlt, steht man wie die Kuh vorm Scheunentor
Manchmal steht man vor den Herausforderungen seiner Gründung wie die Kuh vorm Scheunentor. In diesem Moment ist Hilfe angesagt. (Quelle: Drantcom[4])

„Es gab darüber einfach keine Informationen.“

Klar, für viele Aspekte der Gründung gibt es auch keine eindeutige Arbeitsanweisung mit klaren Parametern. Häufig fehlen schlicht eindeutige Informationen für Entscheidungen. Das fängt beim Wundern über die Zielgruppe an und endet bei der Preiskalkulation. Die gern präferierte Lösung: Bauchgefühl.

Gerade die Preisgestaltung ist ein Thema, dass häufig über den Daumen gepeilt und mit Bauchgefühl gestaltet wird. Dabei kommen in der Regel zwei Gruppen zum Zug: zu niedrig / zu hoch.

Nicht selten haben wir es erlebt, dass aus Angst vor dem Markteintritt die Preise so niedrig angesetzt werden, dass gerade einmal die Material- und Produktionskosten des Produkts gedeckt sind. Die Arbeitszeit, die im Produkt steckt, wird nicht abgerechnet. An eine Auszahlung für die Deckung der eigenen Lebenskosten wird nicht gedacht.
GründerInnen machen häufig den Fehler, ihr Produkt und ihre Angebote auf Basis von Annahmen zu entwickeln, die eher einem Kaffeesatzlesen gleich kommen. An die Beweisführung wird nicht gedacht. Dabei sollte man in jedem Studium doch das 1-Mal-1 der Feldforschung vermittelt bekommen haben.

„Bis hierhin lief doch alles gut…“

„…jetzt heißt es: durchhalten!“ Selbst mit einem soliden Geschäftsmodell und einem bombensicheren Finanzplan sind es oft unvorhergesehen Ereignisse, die Gründer finanziell scheitern lassen. Krankheit, Lieferengpässe, behördliche Verzögerungen, Elternschaft oder der Ausfall eines Mitgründers können sehr schnell das gesamte Kartenhaus zum Einsturz bringen. Der Fall Unister hat dies aktuell in drastischer Weise gezeigt.

Um mit deinem Startup nicht zu scheitern, suche dir ein Team
GründerInnen möchten gerne alles selbstständig rocken. Immerhin ist es ihr Baby. Doch jeder Mensch stößt an seine Grenzen. (Bild: Tim Gouw[5])

So machst du dein Startup sattelfest

Was an Wissen für die Gründung benötigt wird, muss je nach Lage bewertet werden. Es gibt kein Geheimrezept, das dich davor bewahrt, auf die Nase zu fallen und an deine Grenzen zu kommen. Allerdings kann das Befolgen von ein paar einfachen Grundregeln wahre Wunder wirken – oder zumindest dein Risiko erheblich senken.

Schließe die Lücken – Die richtigen Partner suchen

Startups fangen häufig als Solopreneur oder kleines Team an. Dennoch müssen innerhalb dieser Konstellation alle Aufgaben eines kompletten Unternehmens betreut werden: IT, Buchhaltung, Controlling, Marketing, Produktentwicklung, Vertrieb, Akquise, Lieferantenmanagement. Das kann schnell überlasten und dich an die Grenzen deines Know-Hows und deiner Nerven bringen.

Deshalb:

  • sollte dein Gründungsteam schon frühzeitig so zusammengesetzt werden, dass die Aufgaben der nahen Zukunft gut verteilt und professionell bewältigt werden können.
  • solltest du den „hatte gerade frei und wollte auch kein Geld“-Ansatz vermeiden. Die Personen, die du dir ins Boot holst, sollten auch wirklich die Skills mitbringen, die du für ein schnelles und zielsicheres Erreichen des Ufers benötigst.
  • sollten deine Teammitglieder oder externen Partner auch die Unwägbarkeiten der Gefilde kennen. Gerade bei den Finanzen sollte zum Beispiel nicht unbedingt ein reiner Finanz- oder Steuerberater rekrutiert werden. Suche dir lieber jemanden, der sich konkret mit Unternehmensgründungen auskennt, also die spezifischen Pains und Needs aus Erfahrung kennt. Einige Gründercoaches stehen auch im Bereich Fördermittel gut im Stoff.

Tipp zum Thema Liquiditätssicherung

Besonders bei jungen Unternehmen können sich bereits kleine Zahlungsausfälle oder -verspätungen von Kunden schnell negativ bemerkbar machen. Um das zu vermeiden, kann Factoring eine Lösung sein. Factoring-Betriebe begleichen auf der einen Seite Forderungen an rechnungsstellende Unternehmen. Zum anderen stellen Sie aber auch innerhalb kürzester Zeit (teilweise binnen weniger Tage) das Geld aus offenen Posten zur Verfügung und übernehmen die Einforderung beim Kunden. Meist ist die Gebühr dieser Dienstleistung im niedrigstelligen Bereich, schlägt also nicht extrem zu Buche. Du bleibst damit liquide und musst dich zudem nicht um den nervigen Prozess dahinter kümmern.

Wer hat schon Zeit, all das Fachwissen in den Büchern und Blogs für Startups zu lesen?
Klar, Informationen sind im digitalen Zeitalter allerorts zu finden. Nur wer kann schon alle Bücher, e-Books, Blogposts, Podcasts und Videocasts verarbeiten? Irgendwann will man ja auch mal zu Potte kommen! (Bild: Patrick Tomasso[6])

Schließe die Lücken – Werde zum Bücherwurm

Abgesehen davon gilt natürlich: Höre niemals auf zu lernen. So einfach es klingt:

  • Besorge dir für grundlegenden Themen die Standardliteratur. Für zum Beispiel betriebswirtschaftliche Themen lohnt sich schon ein Blick in das Gabler Wirtschaftslexikon2. Dort findest du gut verständliche Begriffsdefinitionen und Erklärungen, sowie Tipps für weiterführende Literatur, wenn es ein in die Tiefe gehen soll.
  • Recherchiere auf Youtube und Blogs nach How-Tos, die dir konkret weiterhelfen. Starte bei Google z. B. einfach eine Suche nach „best SEO blogs“, um die besten Quellen für SEO-Information zu finden. Für allgemeine Startup-Themen und Startup-Marketing haben wir auf unserem Youtube-Channel einige Playlists für Dich zusammengestellt.

Bleibe aber trotzdem immer kritisch. Es gibt zwar eine Menge Wissen dort draußen, aber leider auch eine Menge Quatsch oder nichstsagende Aussagen. Und auch wenn ich mir damit ins eigene Fleisch schneide: gerade die Corporate-Blogs sollten immer mit Vorsicht genossen werden.

Davon abgesehen, gilt natürlich,…

Schließe Lücken – Werde nicht zum Bücherwurm 😉

…manches Wissen findet sich schwer in Büchern, Foren, sozialen Netzen und bei externer Hilfe. Das betrifft insbesondere Informationen zur Zielgruppe und dem Markt. Hier ist wiederum Methodenwissen und Prozesswissen nützlich, denn für diesen Wissensblock gilt vor allem eins:

  • frühzeitig (lange vor dem eigentlich Go-To-Market) am Markt testen, wie die Zielgruppe tickt, was sie fordert, was sie ablehnt – und was sie bezahlen will.
  • Experimente und Tests sind der Grundstein für verifiziertes Theoriewissen und all die Annahmen, auf denen du dein Startup gründest. Hier lohnt sich ein Blick in Eric Reis‘ Lean Startup3.
  • Bücher und externe Unterstützung geben dir das Methodenwissen. Die spezifischen Aussagen zu deinem Startup findest du jedoch nur direkt am Markt. Also traue dich frühzeitig in die reale Welt hinaus.

Immer wieder weiterdenken

Dein Planen endet nicht mit einem Plan. Oder um bei den Worten Winston Churchills zu bleiben: “Plans are of little importance, but planning is essential.” Planen ist keine einmalige Aktion, sondern als kontinuierliche Aufgabe zu verstehen, die nie abreißt. Planen bedeutet sowohl vorausschauendes Prognostizieren, als auch ständiges Monitoring aller Aktionen und Zahlen sowie eine möglichst schnelle Reaktion auf diese. Im Qualitätsmanagement ist das quasi ein alter Hut. Dort nennt sich dieser Ansatz PDCA-Zyklus. Dieser bedeutet nichts anderes als ein iterativer Prozess der vier Schritte Planen (Plan), Umsetzen (Do), Prüfen (Check) und Anpassen (Act). Von nichts anderem schreibt übrigens auch der Lean Startup Maestro Eric Reis, wenn er von seinen (kurzen) Lernzyklen redet:

  • etabliere in deinem Startup einen klaren Prozess zur kritischen Überprüfung deines Wissens, deiner Abläufe und deiner Entscheidungen. Das kannst du z. B. über eine einfache wöchentliche „Lessons Learned“-Session umsetzen. Dabei fasst jedes Teammitglied kurz und knapp zusammen, was die letzte Woche passiert ist und was es gelernt hat. Anschließend wird über das Verbesserungspotential diskutiert und ggf. neue Regeln definiert oder Prozesse angepasst.
  • definiere klare Key Performance Indicators (KPIs), anhand derer du den Erfolg deiner Planung messen kannst.
  • sei allen Entscheidungen und Routinen gegenüber kritisch.

Denn letztlich gilt: Je eher und klarer du Abweichungen in deiner Planung erkennst, desto schneller kannst du reagieren.

Manage dein Wissen

Ordnung ist das halbe Leben. Sorry, deine Mama hat halt Recht. Mangelnde Ordnung erschwert dir eine vernünftige Planung. Außerdem besteht die Gefahr, den Überblick über Deine Aktivitäten zu verlieren. Das gilt für die Ablage genauso wie für die Kommunikation im Team – gerade wenn ihr als digitale Nomaden arbeitet.

Die goldene Regel beim Ordnung halten lautet: Einheitlichkeit und Wiedervorlage:

  • Bestimme einfache und klare Standards für die Benennung und Ablage von Dateien und achte darauf, dass diese eingehalten werden.
  • Sortiere in regelmäßigen Abständen Unnötiges oder Veraltetes aus. Das muss nicht gleich gelöscht werden, aber aus den aktiven Ordnern deiner Projekte entfernt werden.
  • Nutze einen gemeinsamen Server, auf dem die Daten regelmäßig synchronisiert werden.
  • Und ein Backup ist nun wirklich ein no-brainer.
  • Nutze Plattformen und Tools wie Evernote, Slack, Trello, Bitrix24, Producteev oder Microsoft Planner, um dein Team zu organisieren. Die Plattform SuitApp gibt dir hier eine gute Übersicht. Manchmal hilft ein Wiki für das Wissensmanagement.
  • etabliere die bereits oben genannten „Lessons-Learned“-Sessions.

Sei vorbereitet

Kläre im Vorfeld potentielle Risiken deiner Unternehmung ab. Erkundige dich über Fails in deiner Branche bzw. deinem Markt. Das erste Unternehmensgesetz ist immer noch Murphy’s Law: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Natürlich kannst du nicht in die Zukunft schauen und hast manche Dinge einfach nicht auf dem Schirm. Allerdings solltest du immer einen Plan B in petto haben, um zumindest die Worst Cases abfangen zu können. Denn wie schon Mike Tyson aus sehr praktischer Erfahrung wusste: „Everybody has a plan until he gets punched in the face.“

In diesem Sinne.

 

Übernächste Woche geht es mit dem zweiten Kerngrund weiter: Eine Idee ist noch kein Produkt.

Weiterführende Links & Referenzen

[1] Spiegel Online
[2] Gabler Wirtschaftslexikon
[3] Eric Reis

 

Bildquellen (Stand 03.03.2017):

Beitragsbild: CollegeDegrees360 „Schoolgirl with books on head“ (lizensiert unter CC 2.0, some rights reserved)
[4] Drantcom „Kuh„, (lizensiert unter CC2.0, some rights reserved)
[5] Tim Gouw (via Unsplash)
[6] Patrick Tomasso (via Unsplash)

In der Serie erschienen