Auswahl und Texte: Isabel Fastus & Jens Pacholsky

 

Es gibt sie immer wieder: Marketing-Kampagnen und Werbe-Clips, die wir uns als guilty pleasure mehrmals bei YouTube anschauen, weil sie echt witzig und originell sind. Aber eben auch miese Marketing-Kampagnen, für die das Wort „facepalm“ wahrscheinlich erfunden wurde. In dieser Reihe wollen wir Euch unsere ganz persönlichen Highlights und Hiccups vorstellen.

 

Und auch wenn wir dieses Jahr etwas spät sind, darf kein Jahreswechsel ohne obligatorischen Jahresrückblick von Statten gehen. Unsere ganz persönlichen Marketing-Kampagnen Highlights und Hiccups des Jahres 2016 – ungeordnet und ohne Nummerierung. Wohl bekommt’s.

John Lewis – Monty, The Penguin

(Zugegeben bei diesem Win schummeln wir ein bisschen. Deshalb rocken wir sie gleich zu Anfang runter. Die Marketing-Kampagne selbst ist nämlich bereits zwei Jahre alt. Da sie allerdings bei den 2016er CannesLions ordentlich abgeräumt hat, wollen wir Euch diesen Win nicht vorenthalten.)

Die Weihnachts-Marketing-Kampagnen der britischen Warenhauskette John Lewis genießen auf der Insel inzwischen Kultstatus. Seit 2007 stellen die Clips den offiziellen Start in die Weihnachtszeit dar. Das Erfolgsrezept ist denkbar einfach: ein bisschen was fürs Herz, Kinder und niedliche Tiere. Im Jahr 2014 konnte man das in Perfektion beobachten.

Mit Monty, dem einsamen Pinguin, erschuf John Lewis eine Figur, die an Putzigkeit kaum zu überbieten war. Der Clip dazu wurde ein viraler Erfolg. Selbst dem größten Zyniker trieb er zumindest ein kleines Tränchen ins Auge. Garniert wurde das ganze durch eine ausgeklügelte Social-Media-Kampagne (natürlich hat Monty Twitter!) und dem klugen Einsatz von Virtual Reality.

Monty, the Penguin war ein bombastischer Erfolg und hat die Messlatte für zukünftige Weihnachtswerbung um ein paar 100 Meter hochgesetzt.

VANS – Damn Daniel

Dass man virale Trends auch zu seinen Gunsten nutzen kann, beweisen die Jungs und Mädels von Vans. Anfang 2016 machte ein Clip in den sozialen Netzwerken die Runde, der eine Videomontage des amerikanischen Schülers Daniel Lara in verschiedenen Outfits zeigt. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen dabei seine Schuhe (von der Firma Vans). Die wiederholte Catchphrase „Damn Daniel“ avancierte kurz darauf zum Meme (mehr dazu hier).

Vans nutzte die Gunst der Stunde und sprang via Twitter auf den „Damn Daniel“ Zug auf. Gleichzeitig wurden Besucher der Website automatisch zu den weißen Slip-Ons aus dem Video weitergeleitet. Vans steigerte sowohl seine Verkaufszahlen und konnte gleichzeitig das Image als junge, hippe Marke stärken. So einfach können Marketing-Kampagnen laufen. Damn Vans!

(Wobei wir ja sagen müssen, dass die Parodie eigentlich ein gutes Stück cooler ist.)

Sparkasse – Was ist das für 1 Life

Marketing-Kampagnen 2016: Sparkassen Facebook-Posting zu
Quelle: Facebook (Sparkasse-Fanpage)

Banken stehen nicht im Ruf, besonders hip zu sein. Das sollte sich 2016 ändern. Zumindest wenn es nach der Sparkasse geht. Die hat nämlich im vergangenen Jahr erkannt, dass es sowas wie das Internet gibt. Und in diesem mysteriösen Internet passieren die verrücktesten Dinge.

Nach intensiven Recherchen auf Facebook-Seiten wie „Was ist das für 1 life“ und „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“, beschloss die Sparkasse, dass sie die Jugend verstanden haben. Es kann ja nicht so schwer sein, „ein“ durch „1“ zu ersetzen und ein bisschen internettauglich mit den Regeln von Rechtschreibung und Grammatik zu spielen. Geboren waren „1 gute Vorsorge ist einfach“ und „Wenn man eine gute Bank hat vong Vorsorge her“.

Nur dumm, dass der Schuss nach hinten losging. Statt neuer Kunden gab es Häme und Ablehnung  im Netz – vor allem bei der eigentlichen Zielgruppe. Es lohnt sich, die Kommentare zu den Kampagnenbildern zu lesen.

Oder um es mit dem Worten des „Nachdenkliche Bilder mit Sprüche“-Gründers zusammenzufassen: „ICH MÖCHTE MICH VONG DIESER WERBUNG DISTANZIEREN DA ICH MICH MIT DER SPARKASSE LEIDER NICHT IDENTIFIZIEREN KANN“.

Edeka – Zeit nehmen

Nicht erst seit 2016 Trend, aber immer noch hoch im Kurs! Marketing-Kampagnen, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht erkennt, um welches Unternehmen es sich handelt. Anstelle der Produkte treten Emotionen und eine „Message“ in den Vordergrund.

„Nimm dir mehr Zeit für deine Liebsten“ forderte Edeka in der neusten Weihnachts-Kampagne. Dafür führten sie den Hashtag #Zeitschenken ein. So weit, so gut. Auch der passende Clip wirkt auf den ersten Blick gut produziert und stimmig.

Blöd nur, dass es einige Leute etwas genauer hingeschaut haben. „Enthält Edekas Weihnachtswerbung Nazi-Symbolik?“, fragte sich das Netz und die Presse einige Tage nach Veröffentlichung des Clips. Grund dafür: ein Autokennzeichen mit der Kombination „MU-SS 420“. Nicht nur das „SS“ sei dabei problematisch, auch soll 420 eine Anspielung auf Hitlers Geburtstag sein.

Edeka dementierte die Vorwürfe. Doch auch wenn das zweideutige Kennzeichen ein reines Versehen war, die „Zeitschenken“-Kampagne für Edeka ging ganz schön nach hinten los. Das Netz schläft nie!

Tannacomp

Marketing-Kampagnen: Apothekenschaufenster in Goslar mit Tannacomp-Werbung
Quelle: Jens Pacholsky

Die kleinen Wunder der Marketing-Kampagnen sollen auch ihren Platz erhalten.

Als ich letztes Frühjar in Goslar war, wusste ich nicht recht, ob ich weinen oder lachen soll. Tannacomp spielte mit seinen POS-Displays zumindest arg mit den Vorurteilen eines Landes. Klar, wer schon einmal in Indien war, kennt in der Regel das Blubbern im Magen.

Ein großes Kulturdenkmal für Antidurchfall-Mittelchen gebrauchen, um einen lauwarmen Scherz zu landen? Das geht dann doch ein wenig in Richtung Geschmacklosigkeit.

Bodyform – Blood

Ok, this is something. Werbung mit Empowerment, wo sonst Peinlichkeit und Scham, Unsicherheit und Angst als Bottomline genommen werden. Bodyform schafften in ihrem 2016er Clip „Blood“ etwas unglaubliches: Sie enthoben die weibliche Menstruation ihrem Klischee und transformierten es in eine starke Message, die weit über das Produkt hinaus geht.

Damit knüpfen sie perfekt an ihre Kampagne „#LikeAGirl“ an. Diese hatte bereits 2014 stereotype Zuweisungen von Genderrollen und -klischees gezielt hinterfragt. Bodyform sind zumindest in der modernen Welt angekommen, die sich nicht vorm Feminismus fürchtet.

 Johnnie Walker – Dear Brother

Ok, ok, der Commercial ist bereits Ende 2015 erschienen, aber das hier ist was persönliches. So richtig durch die Lande zog der Clip sowieso erst 2016.

Johnnie Walker haben in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass sie das Storytelling perfekt beherrschen, ohnesich selbst in den Vordergrund zu drängen.

Vom Human Android, der gerne die Sinne und Gefühle der Menschen haben würde. Über das dekadente Prank-Spiel Jude Laws mit Giancarlo Giannini. Bis zu Robert Carlyles großartiger Performance als Walking Man.

„Dear Brother“ bringt das ganz große Gefühl aufs Tableau. Zumindest für alle, die einen Bruder, eine Schwester oder langjährige FreundIn haben. Pathetisch? Ja. Prätentiös? Nein. Authentisch und gefühlsecht? Absolut! Nachdem der Kloß im Hals verschwunden und die Tränen getrocken waren, brauchte ich zumindest erst einmal ein Getränk.

Lidl – DU hast die Wahl!

Die „DU hast die Wahl“-Kampagne hat einen gewissen Witz. Nicht nur positioniert sich Lidl clever als der Supermarkt, der für jede Geldbörse und jeden Geschmack etwas in petto hat. Der große Witz besteht – gewollt oder ungewollt – darin, dass die Markenprodukte im selben Atemzug beworben und gedisst werden. Denn irgendwie scheint jedes Mal durch, dass die Eigenmarken die eigentlichen Heldender Werbung sind.

Abgesehen machen die Videos jedoch einen ziemlich halb-debilen Eindruck. Das mit dem Augendrehen ist mit der Zeit doch eher creepy. Dafür waren die Printanzeigen umso effektiver.

Spotify – Thanks, 2016!

Marketing-Kampagnen: Spotify Anzeige 2016 mit dem Text
Quelle: Spotify

So beunruhigend das mit dem Big Data auch ist, die Marketingabteilungen freuen sich über neues Spielmaterial. Spotify setzte 2016 den Schlusstreffer mit ihrer personalisierten Dankes-Kampagne. Aus den Nutzerdaten ihres Streamingdienstes zogen sie die lustigsten Playlists und Hörerverhalten heraus und fügten ihre eigenen 50 Cent hinzu.

Die Kampagne wurde lokal personalisiert und als riesige Banner an Häuserwände gebracht. In New York wurde ein New Yorker User angesprochen. In Berlin eben ein Berliner. Schließlich wissen Spotify ja, wo dein Auto wohnt. So stellte Spotify auch gleich sicher, dass die Nutzer sich wiederfanden. Ich hätte deren Gesichtsausdruck ja gerne gesehen.

Squatty Potty – Slay Your Poo-Stink with the Golden Fart of a Mystic Unicorn

Ach, Squatty Potty, wir lieben euch. Wir brauchen noch mehr von euren aberwitzigen Marketing-Kampagnen. Bereits 2015 hattet ihr uns mit eurer wunderbaren Geschichte über Einhörner, buntes Eis und Stuhlgang den Tag versüßt.

2016 schickt ihr nun euer Zauber-WC-Spray hinterher. Komplett mit Prinzessinnen, unserem Lieblingseinhorn und Goldmolekülen. Auf dem Klo fühle ich mich seitdem geadelt.

Haben wir Marketing-Kampagnen vergessen? Welche Kampagnen haben euch beeindruckt oder abgeschreckt?

Postet eure 2016er Highlights und Hiccups in den Kommentaren.

Bildquelle Titelbild: Edward Crompton (lizensiert nach CC 2.0)